Rhythmische Massage

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat sich eine Fülle körperbezogener Therapien entwickelt. Diese Tatsache spiegelt wider, dass es heute Menschen gibt, die den Körper und seine Befindlichkeiten sehr viel intensiver wahrnehmen, als dies noch vor 20 oder 30 Jahren der Fall war. Auch hat das Bedürfnis zugenommen den Körper unmittelbar zu fühlen d.h. seine Grenzen physisch zu erfahren.

Zugleich haben sich neue Krankheiten entwickelt, die in den Grundgeweben des Mesenchyms ablaufen. Körpertherapien werden nicht nur aus der klassischen Massage der europäisch entwickelten Physiotherapie entwickelt, sondern werden traditionell seit alters her in entfernt liegenden Kulturkreisen z.B. Indiens und Chinas ausgeübt. Sie werden heute weltweit angeboten und im medizinischen Behandlungsplan integriert. Eine Zusammenschau der unterschiedlich erscheinenden Massageweisen macht deutlich, dass sie sich an den Lebensprozessen des Körpers orientieren.
Die klassische Massage wirkt besonders auf die neuromuskulären und bindegewebigen Funktionen. Während der Behandlungen wurde zunehmend die Erfahrung gemacht, dass das Unbewusste des Menschen durch die Streichungen auf der Haut angeregt wird und sich verborgene seelische Prozesse lösen. Diese klinisch gewonnene Beobachtung führte dazu, dass Frau Dr. med. Ita Wegmann in Zusammenarbeit mit Dr. Rudolf Steiner aus den bewährten äußeren Anwendungen der Naturheilkunde die Rhythmische Massage weiter entwickelte. Sie tat dies entsprechend dem anthroposophischen Menschenbild, das davon ausgeht, dass sich ein Mensch in seiner physischen Erscheinung aus geistigen Impulsen heraus gestaltet und jede Therapie nicht nur die körperliche Sphäre und deren Lebensprozesse anspricht, sondern auch Empfindungen und Gefühle berücksichtigt und damit auf die Persönlichkeitsstruktur einwirkt.

Geschichte

Aus urtümlichen, den geistig begründeten und religiös geprägten Reinigungshandlungen des Körpers entwickelte sich in der frühen griechischen Kulturepoche eine ärztlich geleitete leibgebundene Behandlung, die als Massage bezeichnet werden kann. Das Wort Massage ist griechischen Ursprungs (μασσϖ) und bezeichnet: „betasten, berühren, wischen, streichen, mit den Händen drücken, kneten.“

Von Hippokrates ist folgende Regel überliefert:

Starkes Reiben befestigt,
leichtes Reiben lockert.
Vieles Reiben bringt Teile zum Schwinden,
maßvolles Reiben bringt Teile zum Wachsen.

In der griechischen Heilkunst wurden die Urprinzipien geprägt, da man sie in der Verbundenheit mit der geistigen Natur des Menschen wusste, wie mit aktiven (Gymnastik) und passiven (Massage) Bewegungen die Seele harmonisch in den Leib eingegliedert werden konnte.
Im Mittelalter strebte die Seele aus dem Jammertal der körperlichen Existenz. Dem Körper wurde keine unmittelbare Behandlung zuteil. Das Wissen der griechisch-römischen Zeit um die Anwendbarkeit der Massage verdämmerte. Allerdings entwickelte sich aus der römischen Badetradition eine rege Betätigung, die in Europa noch heute gepflegt wird.
Mit Ausgang des Mittelalters begann im Aufkeimen der naturwissenschaftlichen Ära die Erforschung der sinnlich wahrnehmbaren Tatsachen. Nicht mehr der lebendig von Säften durchpulste Mensch wurde beobachtet, sondern der Leichnam mittels Anatomie und Mikroskopie. Das Interesse für Leibespflege wuchs. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts etablierten sich das Turnen und erste Anfänge der Massage.
Per Henrik Ling schuf in Schweden ein Bewusstsein für körperliche Ertüchtigung indem er ein Gymnastisches Zentralinstitut in Stockholm gründete. In seinen Hinterlassenschaften finden sich auch Aufzeichnungen über Handgriffe zur Massagebehandlung. Diese wurden von einem holländischen Arzt Johann G. Metzger (Mezger) ( 1839 – 1901 ) zur so genannten klassischen Massage weiterentwickelt. Er bahnte der Massage den Weg in die neuere Medizin. Aus dieser Zeit stammen die Begriffe “Schwedische Massage”, die weitergeführt wurde zur “Klassischen Massage”.
Frau Dr. med. Ita Wegman erlernte die “Schwedische Massage” sowie Gymnastik in Holland. In der Schweiz studierte sie Medizin und gründete das Klinisch-Therapeutische Institut in Arlesheim/Dornach, Schweiz. Die von ihr, nach Anregungen Dr. phil. Rudolf Steiners entwickelte “Rhythmische Massage” wird in ihrer ursprünglichen Form seit den 30 iger Jahren des 20. Jahrhunderts gelehrt und praktiziert. Wesentlich beteiligt an der Differenzierung und Erweiterung der Anwendbarkeit dieser Behandlungsform war Frau Dr. med. Margarethe Hauschka, seit 1927 an dem Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim als Ärztin tätig. Sie gründete am 25. Februar 1962 in Boll, Württemberg, Deutschland, eine Schule für Rhythmische Massage und künstlerische Therapien. Diese Schule, jetzt Margarethe Hauschka Schule genannt, wurde nach dem Tod der Begründerin, (Frau Dr. M. Hauschka) im Jahr 1980 von Frau Irmgard Marbach im Sinne der Begründerinnen weiter geführt bis zu deren Tod im Jahr 2008.  Der heutige Kreis der Schulungsstätten setzt sich zusammen aus  Dozenten der mittlerweile weltweit existierenden Schulungsstätten. Aufbauend auf einem gemeinsamen Grundcurriculum ist dieser Kreis um die Qualitätssicherung der Rhythmischen Massage sowie Neugründungen von Schulen und deren Begleitung bemüht.

Therapeutische Grundidee

Ziel der Rhythmischen Massage ist es, das rhythmische System (Herz-Kreislauf/Lungen-Ventilationssystem) anzuregen und damit die ausgleichenden und vermittelnden Funktionen des gesamten Organismus zu unterstützen. Beispielsweise entstehen Krankheitszustände, wenn der betreffende Mensch durch einseitige Überforderungen den Belastungen des Alltagslebens nicht mehr gewachsen ist. Auf Dauer können diese weder psychisch noch körperlich kompensiert werden. Hier kann eine in regelmäßigen Abständen durchgeführte Behandlung mit Rhythmischer Massage der Dekompensation d. h. Erkrankung vorbeugen. Die Rhythmische Massage in ihrer ausgleichenden Funktion zwischen Puls und Atmung und der Stabilisierung des Wärmeorganismus erleichtert es dem Patienten, sich dem Alltag und seinen Anforderungen wieder zu stellen.

Therapeutische Elemente

Drückende Griffe wirken auf den physischen Organismus. Gewebeteile werden dabei gegeneinander verschoben und dadurch Verhärtungen wieder beweglich gemacht. Saugende Massagegriffe regen den ätherischen Leib1 entsprechend seiner Wirkungsweise an, die ganz von der Überwindung der Schwere, von der „Entschwerung“ bzw. von der Leichte bestimmt ist.
Durch die punktuell ausgeführte Berührung des Gewebes wird Bewusstsein, d.h. die Wachheit, also der Astralleib2 aktiviert.
Eine erweiterte Grundform der Rhytmischen Massage stellt die Lemniskarte dar, die in vielfachen Abwandlungen angewendet wird. Durch die polaren, in sich kreuzenden Massageformen wird der Ausgleich krankhafter Einseitigkeiten angeregt.
Die Lemniskate liegt den Wachstums- und Funktionsprinzipien des Gesamtorganismus zugrunde. Die Streichungen und massierenden Bewegungen werden in rhythmisch pulsierenden Wellen ausgeführt. Dabei gleitet die Hand in strömenden Formen über das Gewebe, örtlich atmend bis hin zur Knochenhaut. Sie passt sich durch An- und Abschwellen, Beschleunigen und Verlangsamen, Sog- und Druck in rhythmischer Folge wiederholend den impulsierenden und ausgleichenden Wechselwirkungen des wässrigen Organismus des Menschen an.

1Unter ätherischem Leib, der auch Lebensleib oder Bildekräfteleib genannt wird (die Bezeichnung stammt von Rudolf Steiner), versteht man die im flüssigen Organismus des Menschen wirkenden Regenerations-Kräfte. Sie verursachen die Bewegungen der wässrigen Ströme im Interstitium, in der Lymphe und in den Blutbahnen. Ätherische Kräfte bewirken den Auftrieb des wässrigen Elementes im Anorganischen und Organischen (siehe Rudolf Steiner, Theosophie GA 9).

2Astralleib: Die Bezeichnung stammt ebenfalls von Rudolf Steiner und bezieht sich auf die Tatsache, dass die Sternenkonstellation des Tierkreises (astra: Stern) die seelischen Kräfte des Menschen konstituiert. Sichtbar werden diese im menschlichen Organismus z.B. im Muskel- und Gewebetonus. Sie entwicklen sich in der Evolution zuerst als Empfindungsseele, dann als Verstandes- und Gemütsseele, zuletzt als Bewusstseinsseele (siehe Rudolf Steiner, Theosophie GA 9).

Indikationen

Des Stoffwechselbereiches:
Primäre Erkrankungen und Krankheitsfolgeerscheinungen im Bereich des Bewegungsapparates, einschließlich traumatischer und postoperativer Zustände und im Bereich des Bindegewebes. Störungen der inneren Organe.

Des Flüssigkeitsorganismus:
d.h. des Rhythmischen Systems z.B. Stauungsleiden, Herzrhythmusstörungen, Gefäßerkrankungen, Erkrankungen der Atemwege.

Des Nervensystems:
Funktionsstörungen bei chronischen Erkrankungen wie beispielsweise degenerative Formen im Alter. Lähmungen, Neurasthenien, MS, Parkinson, RLS, Schlafstörungen, Kopfschmerzen verschiedenster Genese.

Psychische Erkrankungen:
z.B. Depressionen, Neurosen, Angst- und Panikzustände, seelische Labilität, Borderline-Syndrom, Burn-out

Behandlung in der Heilpädagogik:
z.B. Linderung spastischer Paresen und Immobilität.

Kontraindikationen:
Hochfieberhafte und akut entzündliche Erkrankungen sowie ekzematöse Hauterkrankungen.
Relative Kontraindikation: Schwangerschaft – die ersten 3 Monate

Wirkungsweise

Die Allgemeinwirkung der Rhythmischen Massage wird von den Patienten zumeist so beschrieben, dass sie sich nach einer Behandlung freier fühlen, besser atmen, aufrechter gehen und sich den Anforderungen des Lebens wieder besser stellen können. Zu den körperlichen Allgemeinwirkungen gehört, dass durch die Anregung des Lymphstroms gestaute Gewebe entstaut werden und muskuläre Verspannungen und Verhärtungen nach und nach verschwinden sowie die Durchblutung und innere Durchatmung der Gewebe sich allgemein bessert. Die Rhythmische Massage wirkt mit ihren saugenden, atmenden und pulsierenden Griffqualitäten, die zwischen den chaotisierenden Stoffwechselkräften und den strukturierenden Nerven-Sinnesprozessen vermitteln. Beispielsweise wirkt eine Behandlung der Beine, insbesondere der Waden und Füße, anregend auf die gesamte Darmtätigkeit, wohingegen eine leichte und gut durchrhythmisierte Arm- und Schultermassage das vegetative Nervensystem beruhigt und dadurch die Aufbauvorgänge fördert.

Voraussetzungen zur Teilnahme an der Weiterbildung der Rhymtischen Massage

Voraussetzung:

Altenfachbetreuerin, absolventen des Medizinstudiums, HeimasseurInnen, gewerbliche MasseurInnen, medizinische MasseurInnen, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen, MedizinstudentInnen, PhysiotherapeutInnen.

Weitere in einem Heilberuf tätige Personen nach persönlicher Vereinbarung.

Siehe Website: Voraussetzungen